Workcamps als Programmformat für deutsch-polnische Begegnungen

Interkulturelles Lernen in Workcmps (Teil 1)

Lia Leslie via unsplash.com, License: Creative Commons Zero

  
Charakteristisch für internationale Workcamps ist ihr spezifischer pädagogischer Ansatz, einer Kombination aus Arbeit, Studienteil und Freizeitgestaltung. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich von anderen Formen internationaler Jugendbegegnungen. Zwei weitere Elemente sind die Selbstorganisation und das am Workcampalltag orientierte interkulturelle Lernen.
 

Projekt und Projektpartner

Das jeweilige Arbeitsprojekt wird mit einem Projektpartner vereinbart: Waldarbeiten in Zusammenarbeit mit der lokalen Naturschutzgruppe, Renovierungsarbeiten an einem Tagungshauses mit dem Träger des Hauses, Ferienaktivitäten mit dem Jugendclub der Stadt, Workshops mit behinderten Kindern mit einer Kindergarteneinrichtung, usw. In diesem Fall werden die Verantwortlichkeiten bezüglich Unterkunft und Verpflegung, der Organisation der Arbeit, des Studienteils und der Freizeitgestaltung mit dem Projektpartner geteilt.

Die Naturschutzgruppe, der Tagungshausträger, der Jugendclub oder der Kindergarten können aber auch selbst als Organisatoren des Workcamps auftreten. Damit bliebt die Verantwortung für die Organisation des Arbeitsprojektes und des Workcamps in einer Hand.

Für die Vorbereitung des Workcamps sind u.a. folgende Informationen über den Projektpartner von Bedeutung:

  • Welches waren die Motive bzw. gesellschaftlichen Hintergründe zur Entstehung des Projekts?
  • Welche Ziele verfolgt dieses Projekt? Sind diese in der konkreten Arbeit zu erkennen?
  • Wer ist ständige/r AnsprechpartnerIn des Projekts während des Workcamps?
  • Wer stellt die Arbeit des Projekts während des Camps vor?
  • Welche schriftlichen Materialien gibt es über das Projekt?

 

CampteilnehmerInnen und CampleiterInnen

Bei den TeilnehmerInnen kann es sich um feste, bereits bestehende Gruppen handeln, z.B. die Jugendlichen von den Jugendzentren, Vereinen, Jugendinitiativen, usw. Denkbar ist auch, dass es beispielsweise in Polen eine bestehende Gruppe gibt und die deutsche Gruppe über eine Ausschreibung zustandekommt.

Die Frage, wie die jeweilige Zusammensetzung der WorkcampteilnehmerInnen zustandekommt, sollte nicht leichtfertig übergangen werden. Workcamps basieren auf der Idee der Freiwilligenarbeit. Entfällt die Freiwilligkeit der Teilnahme werden womöglich Erinnerungen an zwangsverordnete Arbeitseinsätze heraufbeschworen und der wohlgemeinte Beitrag zur Unterstützung eines Projektes schlägt fehl.

Ebenso wie in anderen interkulturellen Begegnungen gehört zu einem Workcamp eine pädagogisch geschulte Betreuung. Zu den Ansprüchen, die an die Leitung eines internationalen Workcamps gestellt werden, gehören u.a.:

  • die unterschiedlichen Interessen, kulturellen Bedürfnisse und Verhaltensweisen der TeilnehmerInnen zu berücksichtigen,
  • Begegnung zwischen den Kulturen zu ermöglichen (und dabei helfen, die Sprachbarriere zu überwinden),
    zur Arbeit zu motivieren und Übersicht zu behalten,
  • zur Auseinandersetzung mit dem Projekt und seinen Zielen anzuregen,
  • Prozesse der Selbstorganisation anzustossen und zu begleiten,
  • das Programm zu organisieren (aber dabei auch Freiräume zu lassen),
  • zwischen Projektparter und Workcampgruppe zu vermitteln,
  • Spannungen und Konflikte anzusprechen / zu bearbeiten,
  • usw. usf.

Gerade in bi- und trilateralen Workcamps spielt die sprachliche Barriere eine besondere Rolle. Die CampleiterInnen sollten darauf achten darauf, dass bei der Verständigung im Alltag eine gemeinsame (dritte) Sprache gesprochen oder gegebenenfalls übersetzt wird. Arbeits- und Studienteil stellen dabei besondere Herausforderungen dar.

 

Arbeit und Studienteil, Freizeitgestaltung

Die Arbeit sollte vier bis sechs Stunden täglich nicht überschreiten. Sie sollte in der Regel keine fachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten voraussetzen, aber von einer Fachkraft angeleitet werden. Bei der Auswahl und Vorbereitung des Arbeitsprojektes sind eine Reihe von Aspekten zu beachen:

  • Was soll konkret gearbeitet werden? Ist die Arbeit ausreichend bemessen für die Dauer des Workcamps und die Teilnehmerzahl? Ist die Arbeit von Freiwilligen, die über keine spezielle Qualifikation verfügen, zu bewältigen? Ist die Arbeit zumutbar? Ist die Arbeit sinnvoll? Inwiefern steht sie in einem sichtbaren Zusammenhang zum Projekt?
  • Gibt es bereits einen realistischen Arbeitsplan? Wie lange und an welchen Tagen wird gearbeitet? Wer leitet die Arbeiten an? Gibt es Ausweicharbeiten (bei schlechtem Wetter)? Wie ist der Transport der TeilnehmerInnen von der Unterkunft zur Arbeitsstätte gesichert?
  • Sind genügend Werkzeuge und Arbeitsmaterialien vorhanden? Welche Arbeitskleidung (Schuhe, Handschuhe, usw.) wird gebraucht? Welche Sicherheitsmassnahmen sind zu beachten?
  • Ist die Arbeit beendbar, so daß für die TeilnehmerInnen ein Erfolg sichtbar ist?

Oftmals wird die Leistung eines Workcamps unterschätzt und es ist bereits nach wenigen Tagen keine Arbeit mehr vorhanden. Manche Projektpartner suchen dann händeringend nach irgendwelchen Pseudoarbeiten und verschleißen so die Motivation der Freiwilligen. In anderen Camps ist eher das Gegenteil der Fall: die Arbeit nimmt kein Ende und ist im Zeitraum des Workcamps nicht zu bewältigen. Es fehlen Erfolgserlebnisse, die CampteilnehmerInnen sind frustriert. Die goldene Mitte zu finden, ist sicher nicht einfach. Umso sorgfältiger muss das Arbeitsprojekt ausgewählt und vorbereitet werden.

Ebenso wichtig für das Gelingen eines Workcamps ist die Frage, ob sich für die Workcampteil-nehmerInnen der Sinn und die Notwendigkeit des Arbeitsprojektes unmittelbar erschließen. Hier sind Arbeits- und Studienteil miteinander verknüpft: Das jeweilige Campthema ist stets auf das jeweilige Projekt bezogen und steht in Verbindung mit der Arbeit am Projekt. Es bietet Anregungen und Möglichkeiten, sich mit Hintergrund des Projektes, seinen Zielen und den daraus entstehenden Fragen auseinanderzusetzten. Dabei sollten Austausch und Auseinandersetzung über das Campthema stets an den Erfahrungen der TeilnehmerInnen anknüpfen. Oftmals ergeben sich die spannendsten Diskussionen, wenn das Campthema auf die Lebenssituationen der Beteiligten in den jeweiligen Ländern bezogen und miteinander verglichen werden.

In der Vorbereitung des Studienteils sollten folgende Punkte geklärt werden:

  • Welche Vorschläge hat der Projektpartner für die inhaltliche Beschäftigung mit dem Campthema? Welche Medien kann er/sie zur Verfügung stellen? Welche ReferentInnen sind ihm/ihr zum Campthema bekannt?
  • Welche (zum Camp-Thema) lokal/regional interessante Dinge gibt es zu besichtigen (Stadtbummel mit Erklärung, Museum, Fabrik, Biotop, o.ä.)?
  • Über welche für das Workcamp sinnvollen Kontakte (zu städtischen Einrichtungen, zur Kirche, zu Parteien, politischen Gruppierungen, Vereinen, interessanten Menschen, usw.) verfügt der Projektpartner?
  • Wer stellt das Projekt vor? Wann wird es vorgestellt?

Im Rahmen von nationalen Vorbereitungstreffen ist es z.T. bereits möglich, die Wünsche und Bedürfnisse der TeilnehmerInnen in die Planung des Studienteils miteinzubeziehen. Es sollte aber auch genügend Raum für Eigeninitiative vorgesehen werden, denn viele Ideen entstehen erst während des Camps.

Aufgrund der Sprachbarriere müssen die Diskussionen und verwendeten Medien auf die Sprachkompetenz der CampteilnehmerInnen abgestimmt werden. Hier ist es wichtig, stets auf Übersetzung zu achten, aber auch viel Aktion und Anschauung mit aufzunehmen und den Schwerpunkt nicht auf verbale Darstellungen zu legen.

Der Übergang vom Studienteil zur Freizeit ist fließend: Gerade für TeilnehmerInnen, die das Gastland noch nicht kennen und dessen Sprache nicht sprechen, gehören auch viele Freizeitaktivitäten zum Studienteil: Bummeln in einer größeren Stadt, der tägliche Einkauf für das Workcamp, Stadtbesichtigungen o.ä. werden dann Teil des Lernens, wenn diese (kulturellen) Erfahrungen auch hinterfragt und reflektiert werden. Dies muss von den CampleiterInnen angestoßen und unterstützt werden.

Hinsichtlich der Freizeitaktivitäten sollte in der Vorbereitung folgendes überlegt werden:

  • Welche Begegnungsmöglichkeiten gibt es (Jugendzentrum o.ä.)?
  • Gibt es in der Umgebung Bademöglichkeiten? Einen Grillplatz? Ein Sportgelände?
  • Welche Ausflugsziele gibt es im Umkreis? Welche Wandermöglichkeiten gibt es?
  • Gibt es ein Kino? Eine Disco? Gute/bekannte/typische Kneipen?
  • Welche Freizeitaktivitäten kann der/die Projektpartner organisieren?
  • Gibt es Spiele, Bälle, usw. im Workcamp?
  • Gibt es Zeitungen/Zeitschriften mit dem lokalen/regionalen Veranstaltungsprogramm?

 

Selbstversorgung und Selbstorganisation

Die CampteilnehmerInnen unterstützen mit ihrer Arbeit ein Projekt. Sie sind allerdings i.d.R. nicht in den Alltag des Projekts integriert, sondern schaffen sich ihre eigenen Strukturen des Zusammenlebens. Dazu gehören die Selbstversorgung und Selbstorganisation.

Die Selbstversorgung umfasst die Organisation des Einkaufs, des Kochens und des Abwaschs. Dabei spielt eine geeignete Unterkunft eine wichtige Rolle. In der Vorbereitung müssen folgende organisatorische Fragen diesbezüglich geklärt werden:

  • Wo werden die WorkcampteilnehmerInnen schlafen? Gibt es genügend Betten? Reichen die sanitären Anlagen aus?
  • Gibt es für Frauen und Männer getrennte Schlaf- und Wasch-/ Duschmöglichkeiten?
  • Gibt es einen gemütlichen Aufenthaltsraum? Gibt es genügend Tische/Stühle?
  • Ist eine ausreichend große Küche/Kochstelle vorhanden? Ist genügend Geschirr und Kochgerät vorhanden?
  • Sind Putzmittel, Putztücher, Geschirrhandtücher, usw. vorhanden?
  • Gibt es eine Möglichkeit, Geld und Wertsachen wegzuschließen?
  • Wo steht der Erste-Hilfe-Koffer? Sind Pflaster, Mullbinden, Medikamente, usw. in ausreichender Menge vorhanden?
  • Welche Einkaufsmöglichkeiten gibt es in der Umgebung (Markt, Großmarkt, Bauer, Bioladen, usw.)?
  • Welche Transport- und Fortbewegungsmittel gibt es (Auto, Fahrräder)? Wo gibt es Fahrpläne von Zug/Bus/Straßenbahn?
  • Wo ist das nächste Telefon?
  • Wo ist der/die nächste Arzt/Ärztin? Die nächste Apotheke? Gibt es eine Liste des Notdienstes? Welches sind die jeweiligen Telefonnummern?

Über die Selbstversorgung hinaus, bezieht sich die Selbstorganisation auf die eigenverantwortliche Gestaltung des Workcamps: das gemeinsame Planen und Entscheiden über das Programm, Inhalte des Studienteils, die Organistation des Campalltags, Freizeitaktivitäten, usw. All dies verlangt viel Engagement und Eigeninitiative von den WorkcampteilnehmerInnen.

Dafür braucht es Räume, die es den TeilnehmerInnen ermöglichen, während des gesamten Camps mitzuplanen, mitzugestalten, mitzuentscheiden. Beispielsweise kann nach dem gemeinsamen Abendessen über wichtige Programmpunkte informiert oder Aktivitäten vereinbart werden. Von Zeit zu Zeit sollten Zwischenauswertungen durchgeführt werden, um Bedürfnisse herauszufinden, neue Ideen aufzugreifen, Absprachen zu treffen, usw.

Die Campleitung unterstützt die Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit der Campgruppe: sie leiten an, bringen Selbstorganisationsprozesse in Gang, fördern Eigeninitiative und Eigenverantwortung; sie besorgen die (für eine Entscheidung) erforderlichen Informationen, zeigen verschiedene Möglichkeiten auf, bieten Entscheidungshilfen an, usw.


Literaturtipps

Service Civil International (2000): Lead and let lead. Camp Leader Manual, SCI-Germany, Bonn (dt.: Kopfstütze und Handlanger. Handbuch für Campleiter/innen; SCI-Germany, Bonn 1999)
Council of Europe and European Commission (2002): International Voluntary Service (t-kit), Training-Youth-Net
 

Quelle:"Arbeiten in den Ferien - Du spinnst wohl?" erschienen: DPJW (Hrsg.): Und was machen wir heute? Aspekte einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung (Deutsch-Polnische Werkstatt II); Poligrafia Poznan, 2007, S.110-118 (über das DPJW zu beziehen)

  

Michael Kimmig

trainer | coach | life-long learner

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