Interkulturelles Lernen. Eine Annäherung

Intercultural Learning - Balloons

Luca Upper via unsplash.com, License: Creative Commons Zero

Interkulturelles Lernen hat in den unterschiedlichsten pädagogischen Arbeitsfeldern Konjunktur. Sei es in der Schulpädagogik oder in der Stadtteilarbeit, sei es in der Internationalen Jugendarbeit oder in der Vorbereitung von AustauschschülerInnen, internationalen Freiwilligen oder Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit – überall wird interkulturelles Lernen gefordert und gefördert. Es scheint die pädagogische Antwort zu sein auf gesellschaftliche Herausforderungen im Zusammenhang mit Prozessen der Globalisierung und der Migration.

Wer im Bereich interkulturellen Lernens arbeitet, kann aus einer Fülle von Ansätzen, Methoden und Materialien schöpfen. Um so notwendiger ist unseres Erachtens eine theoretisch fundierte Reflexion und Positionierung der eigenen pädagogischen Praxis: Von welchem Kulturbegriff gehe ich aus? Welche Inhalte gehören für mich zum interkulturellen Lernen? Welche Ziele möchte ich damit erreichen? Vor dem Hintergrund unserer eigenen interkulturellen Bildungsarbeit wollen wir unser Verständnis von Kultur und interkulturellem Lernen zur Diskussion stellen.

Was ist Kultur?

Grundsätzlich kann Kultur verstanden werden als ein Orientierungssystem, das für eine Gesellschaft, eine Organisation oder eine Gruppe typisch ist. Kultur fungiert dabei als ein System von Regeln und von Bedeutungen. Als System von Regeln zielt Kultur darauf, der gemeinsamen Lebenswelt Ordnung und Struktur zu geben. Als System von Bedeutungen vermittelt Kultur eine bestimmte Sichtweise auf die Welt. Kultur hat dadurch Einfluss auf das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln ihrer Mitglieder. Sie definiert deren Zugehörigkeit zu einer kulturellen Gruppe und gibt ihnen ein Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit.

Kultur ist vielfältig

Kultur ist ein Phänomen, das nicht zwangsläufig an Nationen oder Ethnien gebunden ist. Im Prinzip hat jede gesellschaftliche Gruppe ihre eigene Kultur. Jeder Mensch gehört deshalb auch mehreren Kulturen an. Er ist zum Beispiel Deutscher, Pfälzer, Handwerker, Katholik und Fussballfan. Er ist ebenso geprägt durch seine Geschlechterrollewie durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht und zu einer bestimmten Altersgruppe. Mit jeder dieser Gruppenzugehörigkeiten partizipiert er auch an einer bestimmten Kultur. In interkulturellen Begegnungssituationen besteht die Gefahr, Kultur primär im nationalen Rahmen zu betrachten. Wichtig ist es deshalb, immer wieder die Vielfalt kultureller Zugehörigkeiten in den Blickpunkt zu rücken. Erhalten die Beteiligten beispielsweise Gelegenheit, ihren individuellen „Kulturmix“ zu präsentieren, ergeben sich häufig überraschende kulturelle Gemeinsamkeiten – über alle nationalen Grenzen hinweg.

Kultur vermittelt Identität

Kultur ist in doppelter Weise identitätsstiftend. Zum einen identifizieren sich Menschen mit ihrer Kultur; sie betrachten sie als integralen Bestandteil ihrer Identität. Wenn durch interkulturelle Begegnung Gültigkeit und Wertigkeit ihrer eigenen Kultur in Frage gestellt werden, können sie sich in ihrer eigenen Identität verunsichert fühlen. In der pädagogischen Praxis gilt es, diese emotionale, fast existentielle Bedeutung von Kultur zu berücksichtigen. Umgekehrt werden. Menschen auch von den anderen anhand ihrer Kultur identifiziert. Als „der Franzose“, „die Ungarin“, „der Italiener“ werden sie zu RepräsentantInnen ihrer – meist nationalen – Kultur gemacht. Verstärkt tritt dieser Mechanismus dann auf, wenn sie in der entsprechenden Gruppe eine Minderheit bilden. Der Prozess der Fremdidentifikation wird zum Problem, wenn er den Blick auf die Individualität der einzelnen Personen verdeckt und die Betroffenen auf nationale Stereotype festlegt.

Kultur ist dynamisch

Damit Kulturen als Orientierungsrahmen dienen können, müssen sie von einer gewissen Stabilität sein. Sie sind jedoch keineswegs ahistorische Konstanten. Gerade auch durch den Kontakt und den Austausch mit anderen Kulturen sind sie in ständiger Veränderung begriffen. Diese Perspektive auf den kulturellen Wandel ist deshalb von Bedeutung, da dieser häufig nicht als Normalität, sondern als Bedrohung erstanden wird. Auch in der interkulturellen Bildungsarbeit sollte Kultur nicht nur in ihrem So-sein, sondern auch in ihrem Geworden-sein sichtbar werden. Der historische Blick ermöglicht kulturelle Unterschiede nicht nur zu konstatieren, sondern (bedingt) auch zu erklären. Dies wirkt der Tendenz entgegen, die eigenen kulturellen Deutungs- und Handlungsmuster absolut zu setzen.

Ziele und Inhalte interkulturellen Lernens

Nimmt man den Begriff „interkulturelles Lernen“ beim Wort, deutet er auf einen Lernprozess, der sich zwischen (Angehörigen von) mindestens zwei Kulturen abspielt. Ziele und Inhalte dieses Lernprozesses lassen sich nicht unabhängig vom pädagogischen Arbeitsfeld beschreiben. Weitgehende Einigkeit besteht jedoch darin, dass interkulturelles Lernen als ein Prozess des gemeinsamen voneinander und übereinander Lernens Handlungsfähigkeit in interkulturellen Kontexten zum Ziel hat. Gegenstand dieses Lernens sind die eigene und die fremde Kultur, das eigene und das fremde kulturell geprägte Handeln.

Reflexion des eigenen kulturellen Hintergrunds

Die Reflexion der eigenen Kultur ist Voraussetzung und Folge interkulturellen Lernens. Voraussetzung ist sie, weil dadurch erst Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen identifiziert und Irritationen, die in interkulturellen Begegnungssituationen entstehen, eingeordnet werden können. Auch der Dialog mit anderen Kulturen braucht als Ausgangspunkt und Basis ein Wissen um die eigene Kultur. Gleichzeitig kann die Reflexion des eigenen kulturellen Hintergrunds auch die Folge interkulturellen Kontaktes sein. Denn die Erfahrungen mit der anderen Kultur stellen immer auch das Eigene in Frage und fordern zur Auseinandersetzung und Positionierung heraus.

Andere, uns fremde Kulturen verstehen lernen

In interkulturellen Kontaktsituationen werden wir konfrontiert mit einem anderen, uns fremden kulturellen Orientierungssystem. Die Bedeutungen und Regeln dieses Systems gilt es zu entschlüsseln, wenn wir uns kompetent und kulturell angemessen im fremdkulturellen Kontext bewegen wollen. Gerade in der Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen wechseln zu können, liegt die Bereicherung, die interkulturelles Lernen vermitteln kann. Ein vollständiges Verstehen des fremdkulturellen Handelns und Verhaltens ist jedoch nicht möglich. Etwas Unverstandenes und Fremdes bleibt – auch als eine potentielle Quelle für Missverständnisse und Spannungen, für Überraschungen und Faszination.

Nichtverstehen und Unsicherheit aushalten

Die eigene Kultur zu hinterfragen und sich auf die anderskulturellen Sichtweisen und Perspektiven einzulassen ist immer auch anstrengend. Es bedeutet unter Umständen, vertraute Gewohnheiten hinter sich zu lassen, Unsicherheiten auszuhalten und Risiken ein zugehen. Denn oftmals finden wir uns in einer Situation wieder, die Orientierungsverlust und Nichtverstehen hervorruft. Wenn wir uns trotzdem darauf einlassen und nicht vorschnell die neuen Wahrnehmungen und Erfahrungen nach unseren eigenen kulturellen Mustern bewerten, entstehen gerade in solchen Situationen neue Potentiale für Veränderung und Entwicklung.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdecken

In der Auseinandersetzung mit der anderen Kultur entdecken wir Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten. Beides hat seine Berechtigung und ist für das voneinander und übereinander Lernen von Bedeutung. Gerade in interkulturellen Begegnungen wird all zu sehr auf die Differenz zwischen den Kulturen (und Personen) fokussiert; das Gemeinsame und Verbindende, das in der Lage wäre eine Brücke zwischen den Kulturen zu bilden, bleibt außen vor. Andersherum gibt es Situationen, in denen der Tendenz entgegen gewirkt werden muss, dass aus einem Harmoniebedürfnis heraus Unterschiede negiert oder auf „Folklore“ wie Essen oder Begrüßungsrituale reduziert werden.

Zwischen Kultur und Individuum differenzieren

Der Prozess interkulturellen Lernens umfasst die Entwicklung einer Sensibilität für die eigene und die andere Kultur. Dabei besteht die Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen und alle und alles nur noch durch die kulturelle Brille wahrzunehmen. Interkulturelle Handlungsfähigkeit bedeutet in diesem Fall, das Individuum hinter der Kultur zu entdecken. Es gilt zu erkennen, worin es vielleicht auch vollkommen untypisch für seine Kultur(en) ist bzw. durch welchen individuellen „Kulturmix“ es sich auszeichnet.

Offenheit entwickeln und Grenzen setzen lernen

Voraussetzung und Ziel interkulturellen Lernens ist Offenheit für andere Kulturen und die Bereitschaft, sich mit kulturell geprägten eigenen und fremden Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. Es ist aber ebenso wichtig anzuerkennen, dass Offenheit ihre Grenzen haben kann und muss. Zur interkulturellen Handlungsfähigkeit gehört auch dieses Wissen, um die eigenen Toleranzgrenzen. Interkulturelles Lernen bedeutet dann, diese – aus einer reflektierten Position heraus – zu verdeutlichen und sie gegebenenfalls auch verteidigen zu können.

Gesellschaftspolitische Aspekte thematisieren

Interkulturelles Lernen findet innerhalb eines gesellschaftlichen Rahmens statt, der von ökonomischen, politischen, sozialen und auch geschlechtsspezifischen Machtungleichgewichten geprägt ist. Interkulturelles Lernen lebt von der Gleichberechtigung der Lernpartner und zielt darauf, einen möglichst gleichberechtigten Dialog zwischen ihnen zu ermöglichen. Die gegebenen Machtungleichgewichte stellen diese Gleichberechtigung in Frage. Auch die Diskriminierung anderer Kulturen muss deshalb zum Thema gemacht und die Bedingungen eines gleichberechtigten Dialogs müssen erst und immer wieder geschaffen werden. Interkulturelle Bildungsarbeit sollte immer auch die Aufmerksamkeit auf all das lenken, was auf gesellschaftlicher Ebene diesen Dialog verhindert.

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Interkulturelles Lernen ist ein vielschichtiger, komplexer Lern- und Veränderungsprozess. Allein der Kontakt von Mitgliedern verschiedener Kulturen reicht nicht aus, um ihn in Gang zu setzen. Durch pädagogische Begleitung kann dieser Prozess unterstützt und gefördert werden. Die Aufgabe ist es dabei, einen pädagogisch strukturierten Rahmen bereitzustellen, in dem interkulturelle Lernerfahrungen gemacht bzw. reflektiert werden können.

Das Verständnis von interkulturellem Lernen, wie wir es hier beschrieben haben, stellt für die Arbeit im interkulturellen Kontext ein anspruchsvolles Programm dar, das sich nicht immer verwirklichen lässt. Unser pädagogisches Handeln wird beeinflusst von den Begriffen, mit denen wir arbeiten. Es ist deshalb notwendig, unsere eigene pädagogische Praxis anhand eines differenzierten Verständnisses von Kultur und interkulturellem Lernen zu überprüfen und weiterzuentwickeln.


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Quellen und Literaturhinweise

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Interkulturelles Lernen. Arbeitshilfen für die politische Bildung; Präzisdruck, Karlsruhe, 1998
Datenbank für internationale Jugendarbeit (DIJA): Modul ‘Interkulturelles Lernen’; Internet: http://www.bnu-test.de/inkult/
Friesenhahn, Günter J. (Hg.): Praxishandbuch Internationale Jugendarbeit; Wochenschau Verlag, Schwalbach/Ts, 2001
Kimmig, Michael: Anleiten, Leiten, Begleiten. Handbuch für SeminarleiterInnen; (hg. vom Service Civil International), Köln 1999
Krewer, Bernd: Interkulturelle Trainingsprogramme – Bestandsaufnahme und Perspektiven; Nouveaux Cahiers d’Allemand 12/2, 1994, S. 139 – 151
Otten, Hendrik & Werner Treuheit (Hg.): Interkulturelles Lernen in Theorie und Praxis. Ein Handbuch für Jugendarbeit und Weiterbildung, Leske & Budrich, Opladen 1994
Partnership „Council of Europe & European Commission“ – Training Youth (Eds.): Intercultural learning (t-kit No 4), Internet: http://www.training-youth.net/
Scheurich, Imke: Kultur – Geschlecht – Macht. Die Notwendigkeit zur Reformulierung des Interkulturellen Lernens. In: Demokratie und Alltagshandeln: Individuelle Selbstbestimmung, kollektive Mitbestimmung und Solidarität. Festschrift zum 60. Geburtstag von Bodo Zeuner (hg. von Irmtraud Schlosser und Karl Lauschke), Münster 2002, S. 149 – 165
Thomas, Alexander (Hg.): Kulturstandards in der internationalen Begegnung; Verlag Breitenbach, Saarbrücken, 1991
Thomas, Alexander: Psychologie interkulturellen Lernen und Handelns; in: Thomas (Hg.): Einführung in die kulturvergleichende Psychologie, Hogrefe Verlag, Göttingen, 1993, S.377 – 424

Quelle

2007 Und was machen wir heute?
Kern, Michael und Kimmig, Michael (2007): Interkulturelles Lernen – Eine Annäherung. in: DPJW (Hrsg.): Und was machen wir heute? Aspekte einer deutsch-polnischen Jugendbegegnung (Deutsch-Polnische Werkstatt II); Poligrafia Poznan, 2007, S.24-27
Webseite DPJW DPJW / PNWM

Michael Kimmig

trainer | coach | life-long learner

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